Gebrochenes Blau

Tiefblau bis türkis schimmert das Libysche Meer südlich von Kreta durch die Pinien und Felsblöcke. Weiß schlägt die Gischt an das steinige und oft steile Ufer. Bilderbuchambiente, das unter sonnig blauem Himmel gute Stimmung und Wohlbefinden erzeugt.

Blaues Mittelmeer unter Pinien

Aber dieses Blau, dieses Gefühl ist ein anderes als in den 70er Jahren. Es ist verbunden mit der Kenntnis:

  • Das Mittelmeer ist eine riesige Plastikmüllkippe. Erst dieser Tage ist wieder ein verendeter Wal mit entsprechendem Mageninhalt in Sardinien angespült worden. „Schwangere Walkuh mit 22 Kilo Plastik im Magen angespült – für Junges kommt Hilfe zu spät.“
  • Das Mittelmeer ist Transitraum für Flucht und Migration in die EU. Was wir Touristen gut ausgestattet wahrnehmen und erleben können, ist für viele Menschen nach banger Hoffnung das Grab geworden.
  • Der früher poetisch besetzte Begriffe ‚Libysches Meer‘ (Wiki: Das Libysche Meer ist besonders auf der Südseite Kretas in Ufernähe kälter als im östlichen Mittelmeer üblich. Dies begründet sich in dort vorherrschenden Tiefenströmungen. Das Wasser erscheint in einer deutlich dunkelblau-schimmernden Färbung und wirkt sehr klar.) ist heute durch die in Lybien und an der Nordküste Afrikas startenden Flüchtlingsboote anders konnotiert als früher.
  • Die Länder des östlichen Mittelmeerraumes – früher Heimat von Hochkulturen wie z. B. die Phönizier – sind zur Spielfläche weltpolitischischen Geschacheres geworden. Und das vor allem auf dem Rücken der Zivilisten; oft genug auch, indem die eigene Regierung Teile der Bevölkerung politischen Zielen opfert.

Solches und ähnliches Wissen lässt das Strahlen des Blaus brechen.

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Für mich interessant, dass ungefähr zeitgleich bei der Biennale in Venedig, einer seit 1895 stattfindenden wichtigen Kunstausstellung, der Länderpreis ‚Goldener Löwe‘ einer Installation verliehen wurde, die sich einer radikalen Kritik am Lebensstil des vielen Reisens, Konsums und Arbeitens widmet.
Sun & Sea (Marina)

“ Es ist eine fröhliche Szene, die jedoch einen gar nicht so fröhlichen Inhalt hat. Die Strandbesucher singen über ihren Stress bei der Arbeit, das sich verändernde Klima, die Angst vor der eigenen Endlichkeit und dem Artensterben.“
Dieses Zitat wäre in vielerlei Hinsicht zu ergänzen, sowohl bei den Eindrücken vor Ort als auch im Nachhinein.

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