Krankenhauslektüre

Im Rahmen eines kurzen Krankenhausaufenthaltes hatte ich das gerade erschienene Buch von Johann König (FAZ: ‚Der Popstar unter den Galeristen‘) unter mehreren Gesichtspunkten als Lektüre mitgenommen:
● Schon allein der Titel warf Fragen auf, er beschrieb etwas nahezu Unmögliches: Wie konnte man als Geschäftsmann in einem Bereich tätig sein, der so sehr auf das Visuelle angewiesen ist wie der Kunsthandel?
● Im Bereich der Gegenwartskunst ist mir von der Familie König neben dem Buchhändler und Verleger Walther dessen Bruder Kasper König seit Jahrzehnten ein Begriff (u. a. Skulptur Projekte in Münster, seit 1977 alle 10 Jahre). Sicher würde sich im Buch ein erweiterter EInblick in eine jüngere Generation ergeben.
● Blind. Im sonderpädagogischen Terminus also „mit Unterstützungsbedarf„. Wie kann dies im Bereich ‚Sehen‘ umgesetzt werden? Mein Berufsleben lang bin ich ja im Schwerpunkt ‚Geistige Entwicklung‘ tätig gewesen.

Und: Das Buch war von Anfang an so einnehmend und begeisternd, dass ich einen sponten Eintrag auf Instagram veröffentlicht habe.

Ich erfuhr, dass die Beeinträchtigung des Sehens im 12. Lebensjahr erfolgt ist beim unvorsichtigen Hantieren mit Schwarzpulverkügelchen aus der Patrone einer Startschusspistole. Ergebnis: „… sah ich nichts mehr. Nichts als dieses dunkle Rostbraun, jene pulsierende Mischung aus Rot, Braun und Schwarz.“ Der Befund war eine fast komplette Zerstörung der Augen, „keine Pupille, keine Linse, keine Rgenbogenhaut mehr.“ Es schlossen sich Operationen über Operationen an, „ein Leben als Dauerkranker … im Transit.“ Die Sehfähigkeit war dennoch starken Schwankungen unterworfen, je nach OP-Ergebnis. Trotzdem entwickelte sich in dem jungen Mann, der Blindeninternat und -schule in Marburg besuchte, der Wunsch, mit Künstlern zusammenzuarbeiten, so wie er es in seinem Elternhaus erlebt hatte. Da stand z. B. der Fernsehapparat auf einer Brillo-Box von Andy Warhol. „Ich wollte bei der Produktion von Kunst mitwirken und Ausstellungen machen.“ Dieser Drang führte zur Gründung einer eigenen Galerie in Berlin – noch bevor er das Abitur absolviert hatte. Spannend zu lesen, gerade auch von der Konzentration auf Künstler seiner eigenen Generation und auf Arbeiten, „denen ein bezwingendes Konzept zugrunde lag“. Deren Positionen waren ganz stark intellektuell („im Kopf“) erarbeitbar.
14 Jahre nach dem Unfall konnte durch ein neues Operationsverfahren die Sehkraft wieder hergestellt werden ,“ (allerdings ’nur‘ zu 30 – 40 %). König formuliert: „Ich konnte wieder sehen!
Und dann, ganz faszinierend, seine Beschreibung, wie er die „Millionen von visuellen Eindrücken“, die nun auf ihn einprasselten, sortieren und strukturieren musste.
Als Leser seines Buches gewann ich den EIndruck, dass Johann König viel von seinem Unterstützungsbedarf, auf den er aufgrund seiner Einschränkungen angewesen war, aus sich heraus schöpfte. Auch, wenn es zwischendurch Rückschritte gab: „Ende 2007 fiel ich schließlich beim Umsteigen am Frankfurter Hauptbahnhof vom Bahnsteig ins Gleisbett.“
Umso bewunderswerter der Aufbau einer Galerie, die mittlerweile Künstler in internationale Museen vermittelt, zuletzt gerade Jeppe Hein und Natascha Sadr Haghighian auf die Biennale in Venedig.

Spontan habe ich mich direkt bei ihm für dieses eindrucksvolle Buch bedankt – und er hat auch direkt aus dem Trubel der Art Basel geantwortet.

König Galerie

König im Stern

König in der ZEIT

König im perlentaucher

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